KISMET Symposium:
Die Kultur der Erinnerungen

Ohel Jakob Synagoge, München
Sonntag 14.03.2021

Kulturelle und künstlerische Entwicklung einer Kultur in einer Kultur – von Trauma und Schmerz zu einem erfüllten Leben

Wie mutige Individuen die Entscheidung treffen ihr eigenes persönliches, generationsübergreifendes und kulturelles Trauma in ein künstlerisches Werk zu verwandeln und hierüber gleichzeitig einen Heilprozess in Bewegung setzen.

Schönheit zu kreieren heilt auch auf physischer Ebene und hat Einfluss auf jüngere Generationen.

Alidra Alić, eine Künstlerin zeitgenössischen Schmucks lebt in Kopenhagen und hat sich instinktiv für diesen Weg entschieden. Auch eine große künstlerische, interdisziplinäre Gruppe ehemaliger Jugoslaven und Jugoslavinnen, die in Kopenhagen leben, schlossen sich diesem Entscheidungsweg an.

Alidra Alić wird über die Entwicklung ihrer Arbeit und über sich selbst als Ideengeberin und zeitgenössische Künstlerin sprechen.

Die Verwandlung von Schmerz in Schönheit, ist ein Weg auf dem ein Opfer zum Sieger wird. Er entscheidet sich dazu, zu vergeben und Schmerz und Trauma als ein Geschenk zu betrachten. Die Psychotherapeutin Louise Mazanti wird aus künstlerisch-historischer Perspektive über genau dieses Thema sprechen.

Der Künstler Isamar Cirkinagić wird sein Werk „Herbarium“ zeigen und wird über seinen Weg und seine Entwicklung sprechen.

Tijana Mišković analysiert die Werke jugoslavischer Künstler*innen in Kopenhagen und berichtet über die Diaspora.

Die Lebensgeschichte von Éva Fahidi, eine Frau, die den Holocaust überlebte und sich dann der Kunst des Tanzens widmete, wird im Dokumentarfilm „Euphoria of Being“ von Réka Szabó festgehalten. Im Alter von 90 Jahren versprüht sie viel Lebenslust und zeigt im Film ihre tänzerischen Fähigkeiten.

Das Symposium wird mit einer akustischen Einlage des Duos Barimatango mit dem Song „Sephardic“ enden.

Programm

09:00 – Eröffnung des Symposiums.

09:00 – Vortrag von Louise Mazanti und visuelle Präsentation.

10:00 – Atemübungen zu Musik in der Gruppe, 30 min. geleitet von Louise Mazanti.

10:30 – Vortrag von Alidra Alić & visuelle Präsentation.

11:30 – Mittagspause (im Haus).

12:30 – Vortrag von Tijana Mišković und visuelle Präsentation.

13:30 – Votrag von Ismar Cirkinagić und visuelle Präsentation.

14:30 – Gruppendiskussion.

15:30 – Vorschau des Dokumentarfilms von Réka Szabó.

17:00 – Abendessen.

19:30 – Duo Barimatango, Song „Sephardic“ akustisches Musikkonzert.

20:45 – Danksagung.

21:00 – Schließen des Symposiums.

Gäste

Alidra Alić
Moderatorin

Preisgekrönte Schmuckkünstlerin, 1979 in Bosnien-Herzegowina geboren, in Kopenhagen (DK) lebend. Sie studierte Kunstgeschichte und Schmuckdesign in Italien und Dänemark.

Alidras Werke wurden bereits in hochrangigen zeitgenössischen Galerien, sowie in Museen in Dänemark, Schweden, Holland, Italien, Russland, Deutschland, USA und einige mehr, ausgestellt. Zudem fand sie Erwähnung in Büchern über zeitgenössische Kunst, sowie auch in Ausgaben von Fashion-Magazinen.

Die Künstlerin wird ihr Werk “Flora” vorstellen und dabei über den Herstellungsprozess sprechen, der letztendlich zu einer neuen Technik führte, Schmuck zu entwerfen und zu schaffen. Sie erwähnt, wie der Wert von Gold unbewusst ihre Entscheidung beeinflusste Juwelierin zu werden. Manchmal vergessen wir die kleinen Momente, die doch so viel Einfluss auf die Entscheidungen in unserem Leben haben können. Auch wenn es einem wie eine Kleinigkeit vorkommen mag, das ein Flüchtender den eigenen Schmuck unter der Kleidung verstecken muss, ist dies doch eine Erfahrung vieler Geflüchteter, welche sie begleitet und weitere Entscheidungen prägt.

Alidra versteht heute, warum sie Juwelierin und Künstlerin wurde und ermöglicht einen Einblick in ihre Kreationen und Werke, welche Transformation in Schönheit symbolisieren sollen.

Flora

Mit der Anziehungskraft des verzauberten Gartens – fantastisch, fast schon traumhaft – kreiert Alidra einzigartige Meisterwerke.

Sie vermittelt in ihren Werken ein Gefühl für den Umgang mit Licht und hält die Vergänglichkeit von blühenden Orchideen, Iris und Hyazinthen mit Hilfe von prächtigen Farben fest. Die Sprache ihrer Kunst, ist der feine Umgang mit Licht, Farben, Pflanzen und der Gabe, diese Aspekte in traumhafter Art und Weise festzuhalten.

Sie experimentiert weiterhin mit Blüten und der Flora und schafft es, ihre selbst-entwickelte Technik mit der traditionellen Technik des Goldschmiedens zu verbinden. Mit den fragilen Formen der Natur sowie mit wertvollen Metallen und Steinen zu arbeiten, ist bei jedem Schmuckstück immer wieder eine mutige Erfahrung.

Mit exquisiter und kompromissloser Handwerkskunst und Sensibilität wird jedes Stück einzeln per Hand hergestellt. Die Stücke sprechen für sich. In Verbindung mit weiteren Schmuckstücken lässt sich jedoch ein noch überwältigender Eindruck erzeugen. In Kombination mit anderen Stücken wird das Kunstwerk außergewöhnlich.


Ismar Cirkinagić
ismarc.com

Ismar Cirkinagić wurde 1973 in Prijedor, Bosnien und Herzegowina – zu jener Zeit noch SFR Jogoslawien – geboren. Er graduierte 2006 an der Royal Academy of Fine Arts in Kopenhagen. Seitdem lebt und arbeitet der Künstler in Kopenhagen und Prijedor.

Der künstlerische Bereich, der ihn am meisten fasziniert, ist jener der konzeptuellen Kunst sowie die Fotografie. Über die vergangenen Jahre fanden seine Werke mehrfach in Museen und der Kunsthalle in Dänemark ihren Platz. Auch im Ausland wurden seine Werke erwähnt und ausgestellt. Beispielsweise finden sich Ausstellungen des Künstlers in der Kunsthalle Nikolaj, der Kunsthalle Charlottenborg, Brandts Kunsthallen, der Kunsthalle Aarhus, dem Sorø Art Museum, dem HEART Museum of Contemporary Art und dem Esbjerg Art Museum.

Herbarium

Das Projekt basiert zunächst auf der traditionellen Art und Weise Herbarien herzustellen, jedoch stammt der Inhalt des Werkes, also die Flora, von Massengräbern in Bosnien und Herzegowina. Durch die Serie von Herbarien-Werken soll der Kreislauf des Lebens verdeutlicht werden. Der Prozess, den ein verstorbener Körper durchläuft, ermöglicht und nährt neues Leben in Form von Gräsern und Pflanzen, die das Werk ausmachen.

Für diese Serie sammelte der Künstler Pflanzen von unterschiedlichsten Massengräbern. Er trocknete diese und rahmte sie in einem Glasbilderrahmen ein, zusammen mit ihren lateinischen Namen und grundlegenden Informationen zur Familie, der die Pflanzen jeweils angehören. Darüber hinaus hält der Künstler den Namen des Massengrabes fest, auf welchem die Pflanze wuchs und erwähnt zusätzlich die Anzahl der verstorbenen Opfer, die in besagtem Grab ruhen sollen. Diese Serie kann als eine Fortführung der Installation “Cleaning Time” betrachtet werden.


Louise Mazanti
louisemazanti.com

Die Alchemie der Transformation

Visionäre, Künstler und spirituelle Denker gingen stets an die Grenzen des menschlichen Bewusstseins, um Leid in etwas zu verwandeln, das etwas bedeutet, aussagt und somit Heilung und Wachstum für die Gesellschaft bezweckt. Der tiefe, spirituelle und künstlerische Takt der jüdisch-sephardischen Gesellschaft im Balkan ist ein Beispiel hierfür. Er verdeutlicht, wie menschliche Tiefe sich entfaltet, wenn unsere Ängste, unser Leid geäußert und mit anderen geteilt werden. Verwundbarkeit als ein Ort der Wertschöpfung. Wenn wir die Ganzheit unserer Erlebnisse annehmen, ist unser Geist frei und der Mensch kann sich entfalten. Er wird zu einer Oase der Kreation. Wenn der Mensch sich als Individuum verwandelt, wird er Schöpfer der neu entstehenden Zukunft.

Jeder einzelne Moment hat Potential, ein solcher Moment der Verwandlung und der Schöpfung zu sein. Der Schlüssel um dies anzuregen, ist schlichtweg kurz zu zögern, nachzufühlen, zu atmen, offen zu sein für Dinge, die kommen und aufzuhören wegzulaufen vor Dingen und Gefühlen, die wir nicht verstehen und nicht fühlen wollen. Der Moment, in dem wir in unserem Herzen „Ja“ sagen und alles annehmen, wie es ist, das ist der Moment, in dem wir bereit sind uns zu verwandeln.

Wir werden diesen Zustand und Ort der Transformation gemeinsam mithilfe einer geführten Meditation sowie Atemübungen betreten. Denke an all das, was du gerne verwandeln würdest und spüre nach, was geschieht, wenn wir einen Zustand des Bewusstseins erreichen, in dem Platz für Menschlichkeit und Glauben ist.

Louise Mazanti, PhD ist eine ehemalige Professorin des Faches Kunsttheorie. Heute arbeitet sie als persönliche Psychotherapeutin und internationale Lehrerin mit den Elementen Bewusstsein, Erinnerung und Trauma.


Tijana Mišković
tijanamiskovic.com

Die Kunst diasporischer Zwischenbereiche betrachtet durch die Linse der Erinnerung

Während zeitgenössische Kunst und kulturelle Erinnerungen verbunden werden, liegt der Fokus auf den Werken der Künstler*innen aus Jugoslawien, die nun in Dänemark leben.

Schon seit 2000 spielen jugoslawische Künstler*innen eine große Rolle in der zeitgenössischen Kunst-Szene. Ihre Ausbildung an dänischen Akademien haben ihre visuelle Sprache und Sicht auf die Kunst geprägt. Dennoch beziehen sich ihre Werke oftmals auf Krieg, Migration und Exil–Elemente, die vom dänischen Alltag weit entfernt scheinen.

Aufgrund meiner amtlichen Erfahrung, kam mir die Idee, dass diese künstlerischen Praktiken in einer, wie ich sie nenne, “diasporic inbetweenness” entstanden, also in einem Zwischenbereich der Diaspora. Was ich damit meine, ist eine Verlagerung, die sich auf die Subjektivität, kulturelle Identität und auf politische Kontexte auswirkt.

Die Position der Diaspora ist von einer Distanz zwischen Zeit und Raum gekennzeichnet, welche die Künstler*innen mit ihren Werken versuchen zu überwinden. Dabei beziehen sie sich teils auf eigene Erfahrungen und Erinnerung, jedoch auch auf fremde und übernommene Gedanken. Sobald diese persönlichen Interpretationen der vergangenen Ereignisse durch Kunstwerke ausgedrückt werden, werden sie zu einer kollektiven Erinnerung. Abhängig vom Integrationsgrad in der Gesellschaft haben diese Ausdrücke von Erinnerungen sogar das Potential, sich zu einer offiziellen kulturellen Erinnerung zu entwickeln.

Die Vermittlung von Erinnerungen durch Kunstwerke resultiert in einer großen Vielfalt an prägenden und konzeptuellen Versuchen der künstlerischen Interpretation. Diese gehen oftmals über das lineare und hierarchische Verständnis von Raum und Zeit hinaus.

Die Präsentation beinhaltet drei künstlerische Fallbeispiele, die von den Künstlern Vladmir Tomic, Damir Avdagic and Ismar Cirkinagić kreiert wurden. Die drei Künstler problematisieren alle die Auffassung von Erinnerung, wenn auch alle auf unterschiedliche Weise und vermitteln somit eine Definitionsmöglichkeit der verschiedenen Aspekte der Zwischenräume der Diaspora.


Barimatango
Jelena Milušić & Atilla Aksoj

Das Duo Jelena Milušić (Gesang) and Atilla Aksoj (Gitarre), welches sich Barimatango nennt, vermittelt sephardische und romanische Musik auf raffinierte und emotional rührende Art und Weise.

Durch einzigartige Interpretationen beleben Jelena und Atilla Melodien und Geschichten und geleiten uns in eine ferne Welt. Sie vermitteln uns ihre Sicht auf magische Lebenswelten, sowie deren Stärke und Schönheit.

Im Frühling 2020 veröffentlichte das Duo Barimatango ihr neustes Album “Yo hanino, tu hanina”, welches zehn ausgewählte sephardische Songs beinhaltet, darunter auch Lieder von Flory Jogonda, einem renommierten Sänger sephardischer Musik. Flory Jogondas Werke lieferten die grundlegende Inspiration für dieses Album.

Nicht überraschend ist der Fakt, dass in vielen Songs eine spanische Stimmung wahrzunehmen ist, denn schließlich stammen die Sepharden ursprünglich aus Spanien. Einige der Lieder beinhalten einen unregelmäßigen Rhythmus, welcher als Kennzeichen nahöstlicher und balkanesischer Musik gilt, andere Songs hingegen sind von einem regelmäßigen Takt begleitet, welcher wiederum ein Kennzeichen spanischer Musik ist.

Das Album “Yo hanino, tu hanina” ist musikalisch aufregend komponiert und stellt einen wunderbaren und wertvollen Beitrag zur Erhaltung sephardischer Musik dar. Das ist jedoch noch nicht alles. Das Album ermöglicht es Zuhörenden sogar in Raum und Zeit zu reisen, sich in Gedanken an andere Orte zu begeben und eine diverse sephardische Kultur in all ihren Farben und Stimmungen wahrzunehmen.

Jelena Milušić

Die ausdrucksstarke, blonde Jelena Milušić, ist eine Sängerin, der es gelingt ihre Stimme an verschiedenartige Genres anzupassen. Sie spricht die Sprache der Musik, als wäre es ihre Muttersprache, angefangen bei Blues und Jazz, über Rock bis hin zu traditionell balkanesischer Musik. Sie performte bereits diverse Musikstile an den unterschiedlichsten Orten und stellte damit ihre Vielfältigkeit unter Beweis.

Atilla Aksoj

Atilla Aksoj ist auf mannigfaltigen Ebenen mit der Musik verbunden: Sowohl als Musikproduzent und Komponist, als auch als Tontechniker. Zudem beherrscht er mehrere Instrumente. Er gründete das Musikstudio BARAKA in Mostar, in dem er heute Musik sowohl fürs Theater als auch für andere musikalische Projekte produziert. Atilla ist Produzent und Gitarrist der Bands Zoster, Arkul and Barimatango.

Film: Die Euphorie des Lebens

84 min, Regisseur: Réka Szabó

Präsentation des Dokumentarfilms

Éva Fahidi war gerade mal 20 Jahre alt, als sie aus Auschwitz Birkenau in ihre Heimat nach Ungarn zurückkehrte. Sie war allein gelassen, Familienmitglieder waren umgebracht worden, darunter ihre Mutter, ihr Vater und ihre jüngere Schwester.

Siebzig Jahre später, im Alter von 90 Jahren wurde Éva eingeladen, an einer Tanz-Theater- Aufführung teilzunehmen, in der es um ihre Lebensgeschichte gehen sollte.

Réka Szabó hat eine Vision. Sie stellt sich ein Duett zwischen Éva und der jungen, international gepriesenen Tänzerin Emese vor. Zwei Tänzerinnen interagieren auf der Bühne – in Alt und Jung verbinden sich die Geschichten und Erfahrungen miteinander.

Drei Frauen – drei Monate – Eine Geschichte, die Grenzen überschreitet.

Während Schlüsselmomente aus Évas Leben in Theaterszenen umgesetzt werden, entwickelt sich ein enges Verhältnis zwischen den drei Damen.

Docu Talents from the East, 2017, Karlovy Vary, Czech Republic / Baltic Sea Forum, 2017, Riga, Latvia / MEDIMED 2017, Barcelona, Spain / Locarno International Film Festival, Critics Week selection (Semaine de la Critique, 2019) Award: Grand Prix (Grand Prize of the Critics Week) / 25th Sarajevo Film Festival, Competition Programme, Documentary Film (2019) / Award: Human Rights Award / VIFF, Vancouver International Film Festival / Minsk International Film Festival, Listapad / Award: Audience Award for Best Documentary Film / Verzio International Human Rights Documentary Film Festival / Award: Hungarian Audience Award / IDFA, International Documnetary Filmfestival, Amsterdam / Desiré Central Station Contemporary Theatre Festival (2019) / Human Rights Documentary Film Days Izmir (2019) / Trieste Film Festival (2020) / Award: Audience Award for the Best Documentary Film in competition and Balcani Caucaso / Transeuropa Award / Magyar Mozgóképszemle 2020 / Award: Best Documentary Film / Temple Har Shalom Park City (2020) / Greenwich International Film Festival (2020) / DOK.fest München (2020) / Award: kino

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