Sarajevo – Die Toten tanzen noch

Ein musikalisches Theaterstück von Konstantin Moreth.

Die Toten tanzen durch meine Träume,
sie tanzen durch meinen Tag.
Sie sind immer da!
Münchner Premiere

16.06.2021
19:00 Uhr

weitere Vorstellungen:
17. und 18.06., 19:00 Uhr

Ein skurril, düsterer Reigen.
Ein Tanz auf dem Vulkan.
Ein Requiem.
Eine Ode an das Leben.

Die Belagerung von Sarajevo bildet den Hintergrund einer morbiden, gleichwohl lebenshungrigen Erzählung. Wo der Tod am nächsten ist, brennt das Leben am hellsten. Adem arbeitet in einer Kneipe in Sarajevo, einem ehemaligen Kaffeehaus. Nacht für Nacht. Adem schläft nicht mehr. Seit er im Krieg seine große Liebe gefunden und wieder verloren hat, lebt er ohne Ziel vor sich hin, umgeben von den immer gleichen Gästen, heimgesucht von den Dämonen seiner Vergangenheit. Des Krieges. Und der Liebe. Abend für Abend erwachen die Geschichten, werden Lieder gesungen, und die Toten sind allgegenwärtig …

Und dann ist da noch dieser Cellist. Vedran Smailović.

27. Mai 1992. 22 Menschen fallen einer serbischen Mörserattacke zum Opfer, weil sie um Brot anstanden. Nach diesem Angriff nimmt Smailović sein Cello und spielt 22 Tage mitten auf den verschiedenen Plätzen der Stadt zum Gedenken an die Opfer. Immer im Fadenkreuz der Scharfschützen, immer in Lebensgefahr. Und überlebt. Dies ist ein universelles Bild für Menschlichkeit angesichts einer menschenverachtenden Situation, wie sie die Belagerung von Sarajevo darstellt.

Die achte Produktion der Moreth Company ist gleichzeitig die erste, die Konstantin Moreth selbst geschrieben und entwickelt hat.

Regie und Buch: Konstantin Moreth
Produktionsleitung, Assistenz und Mitarbeit Buch: Franck Oskar Schindler
Kostümbild: Bonnie Tillemann
Bühne und Lichtdesign: Michael Bischoff
Komposition und Bühnenmusik: Juri Kannheiser

Es spielen:

Elisabeth Günther
Michaela Weingartner
Alexander Bambach
Juri Kannheiser
Konstantin Moreth

Ausgangspunkt

Ein Krieg, mitten in Europa. Was lange undenkbar schien, ereignete sich Anfang der Neunziger direkt vor unseren Augen, an Orten, die uns als Urlaubsziele vertraut waren, wenige hundert Kilometer entfernt. Und im Gegensatz zu den klinischen “Videospiel”-Bildern  des ersten Irakkrieges trug der Jugoslawienkrieg Bilder unvorstellbarer Grausamkeit in die heimischen Wohnzimmer: Von Mörsergranaten zerfetzte Zivilisten, Sniper, die wahllos auf Frauen und Kinder schießen, Gefangenenlager, deren Anblick schlimmste Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wach werden ließen, schließlich der  Genozid von Srebrenica.

Mich haben damals die Berichte vom Balkan nachhaltig erschüttert, auch in meinem Vertrauen an “das Ende der Geschichte”, dass mit dem kalten Krieg ein Zeitalter des Friedens und Wohlstands nach und nach immer mehr Einzug halten würde. Nein, der sogenannte “Firnis der Zivilisation” ist nach wie vor dünn, das zeigt uns dieser Krieg noch immer auf unbarmherzige Art und Weise.

Wenn wir nun sehen, wie aktuell in vielen Ländern Europas – diesem großen Friedensprojekt, das zumindest uns und unseren unmittelbaren Nachbarn eine lange Phase Frieden, Demokratie und Wohlstand gebracht hat – wieder die finsteren Geister des Nationalismus und Rassismus in Massen Anhänger finden, wirkt der Balkankrieg als ein Fanal, als eine eindringliche Warnung: dass Geschichte sich doch jederzeit wiederholen oder zumindest in ähnlichen Bahnen verlaufen kann.  Deshalb erscheint es mir außerordentlich wichtig, sich diesen Krieg, auch wenn er inzwischen ein Vierteljahrhundert her ist, eindringlich zu vergegenwärtigen. Nachdem ich mich in den letzten drei Jahren intensiv mit dem Krieg und vor allem der Belagerung Sarajevos beschäftigt hatte, reiste ich Anfang November 2019 nach Sarajevo, um mir vor Ort ein möglichst noch präziseres Bild zu machen. Ich sprach mit verschiedenen Zeitzeugen und vor allem das Gespräch mit Marijela Margeta Hašimbegović, der ehemaligen Intendantin des Nationaltheaters, die als junge Frau die Belagerung der Stadt mitgemacht hatte, und mir diese unfassbare Situation eindrücklich nahe brachte, war eine große Bereicherung und schärfte meine Sicht auf das Geschehen in erheblichem Maße.

Konzeption

Das Kaffeehaus als Ort von Geschichte und Geschichten. Das Kaffeehaus als Bühne. Als metaphysischer Ort, an dem Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen,  sich die Kulturen vermischen: Orient und Okzident, Klassik und Moderne, das Erbe der Osmanen und Habsburger und das Vermächtnis Titos. Vom Mobiliar ist nicht mehr viel übrig, Fehlendes ist mit Sandsäcken ergänzt und Kanister, in unterschiedlichen Größen und Formen dienen als “Stuhl und Tisch”. Vielleicht ein alter Lüster. Die Theke existiert in Teilen und funktioniert wiederum als eine Bühne auf der Bühne.

Darin fünf Schauspieler und ein Musiker, die im fliegenden Wechsel in unterschiedliche Geschichten springen, zu deren Protagonisten werden. So entstehen einzelne Episoden und immer wieder Erzählstränge, die im Laufe des Stückes mehrfach aufgegriffen werden.

Wir orientieren uns dabei an der vitalen, sprunghaften, energetischen und phantastischen Erzählweise des Balkans. Dort gibt es eine große Tradition des Geschichtenerzählens, von der der bosnische Schriftsteller Saša Stanišić sagt:

Was das Geschichtenerzählen an sich angeht, das ist bei uns ‘ne Art Charaktereigenschaft tatsächlich. Je mehr Geschichten man kennt, desto angesehener ist man oder bzw. war man. … Ich kann mich erinnern, wenn meine Großeltern etwas erzählt haben, dann kamen Kinder dazu und haben sich hingesetzt und haben zugehört. Das ist fast oriental. Und je mehr Geschichten man kannte, umso angesehener war man in der Familie und im Bekanntenkreis.